Helden des Alltags


Es ist Mittwoch. Durch die Gnade des späten Erwachens habe ich von den Folgen der Betriebsversammlung der Öffis nichts mitbekommen. Die Angestellten der Wiener Linien haben Angst vor ihren Fahrgästen. Erschütternd. Dann werden Erinnerungen aus dem öffentlichen Nahverkehr wach… Ok nicht im Bereich der Wiener Linien, sondern mehr der ÖBB, aber trotzdem. Es ist auch nicht mehr ganz aktuell weil es schon einige Jahre her ist, entschuldigt auch nichts, ist eher eine Hommage an das stille Heldentum eines Zugbegleiters.

Der Vorhang öffnet sich, es ist Sommer, über 30° Hitze, die Schnellbahn Richtung Mistelbach hat Verspätung. Vielleicht weil die Schienen bei drei Dutzend Krügeln länger werden, der Grund ist im Dunkel der Geschichte verschwunden. Der Blaue Blitz quält sich in die Station Praterstern, wo er und die Fahrgäste ächzend stehen bleiben. Eine rote Erscheinung bringt Leben in die Garnitur. Auf dem gegenüberliegenden Gleis steht die Zukunft! Ein neuer Zug mit vielen Talenten darunter eine Klimaanlage! Die Unglücklichen, die nicht im Sitzen schwitzen dürfen, sind die Ersten, die den Weg über den Bahnsteig, der beinahe so breit wie lang ist, antreten. Der eingefahrene Zug leert sich etwas, es gibt sogar wieder einen Schnapper Luft zum Atmen. Der gelernte Wiener weiß aber was jetzt kommt: kaum ist die Hand des schnellsten Zugwechslers in der Nähe des Sensorknopfes angekommen, kaum reckt sich der Finger in Richtung grünes Licht so erlöscht mit finaler Entschlossenheit die Möglichkeit pünktlich(er) nach Hause zu kommen. Game Over. Die Sitzenbleiber feixen innerlich ein wenig, als die Aussteiger reumütig in den Umluftofen zurückkehren, der nicht einmal durch den Fahrwind ein wenig Abkühlung erfährt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass die Reise jetzt doch weitergehen kann. Es dauert noch eine Viertelstunde in brütender Hitze, bis sich der Zug bequemt die Station zu verlassen. In dieser Zeit erreicht ein junger Mann die S-Bahn. Mit detektivischem Scharfsinn kann jeder sehen, dass er auf dem Weg zur Donauinsel ist, in einem durchschwitzten T-Shirt und einer Badehose, die keiner Büroklammer mehr Platz bietet. Und demnach schwarzfährt. Jetzt tritt der eigentliche Held des Dramoletts auf. Der unbesungene Zugbegleiter, der einem Adler gleich, der über dem Bahnhofsbiotop kreist, die Feldmaus bei ihrem hochkriminellen Akt erspäht hat. Kaum wähnt sich der blinde Passagier in Sicherheit, öffnet sich mit drohendem „Klack“ die Tür des Begleiterabteils… Da kein Bollwerk von Mitreisenden zwischen ÖBB-Angestelltem und Fahrgast steht, muss letzterer mit verschämtem Kopfschütteln zugeben, dass er keinerlei Berechtigung besitzt zwei Stationen Richtung Abkühlung zu fahren. Mit mittlerweile zusammengekommener fast halbstündiger Verspätung. Der Zugbegleiter greift in die Tasche und reicht ihm einen Fahrschein für eine Einzelfahrt: „Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.“ Haben sie das jetzt wirklich geglaubt? Weil man einem Nackerten nicht in die Tasche greifen kann?  Dann hätte ich da ein Problem mit dem Geld meine nigerianischen Onkels, an das ich nicht persönlich heran kann weil…  Nein, es erfolgt natürlich ein hoheitsvolles: „Ausweis bitte“. Nachdem sich kein Dokument auf wundersame Weise aus heißer Luft materialisiert steigen die beiden Darsteller aus, es wird die Polizei gerufen, amtsgehandelt. Zu meinem Glück. Fahrscheinbewehrt, aber an diesem Tag von überraschend geringer Frustrationstoleranz wäre ich damals vielleicht als einer jener neuerdings seltsam aggressiven Benutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln aufgefallen!

 

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